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Umsetzung eines Videospiels als Brettspiel

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Umsetzung eines Videospiels als Brettspiel

Computer- und Videospiele haben feste Regeln. Dabei sind jedoch längst nicht alle Regeln in Bildschirmspielen als solche erkennbar oder wie in einem Brettspiel nachzulesen. In einem Computerspiel kann ein Auto beispielsweise die Rennstrecke verlassen, in einem anderen nicht. Dies muss nicht als Regel formuliert werden, da der Spieler die Möglichkeiten des Spiels im Spielprozess selber erfahren kann. Vor allem Kinder und Jugendliche nehmen oft Spielinhalte und Spielregeln als gegeben hin, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was alles hinter einem solchen Spiel steckt.

Möchte man sie anregen, hinter die Spielgeschichte und deren multimedialen Präsentation zu blicken, die komplexen Wirkungszusammenhänge und Spielstrukturen, sprich das Regelwerk im Hintergrund, zu entdecken und zu analysieren, ist eine Möglichkeit, aus dem Computerspiel ein Brettspiel zu machen. Programmierkenntnisse, die bei der Anfertigung eines Computerspiels neben vielen anderen hoch technischen Qualifikationen zwingend erforderlich sind, braucht man bei einem Brettspiel nicht. Als Vorraussetzung reichen Stift und Papier um erste Vorstellungen, wie das fertige Brettspiel funktionieren sollte, zu notieren. Zur Herstellung von Spielfeld und Spielmaterialien reichen ebenfalls normale Bastelutensilien aus.

Konzeptskizze:

Umsetzung eines Computer- oder Videospiels als Brettspiel
Teilnehmer:
  • kleinere, feste Gruppe
Dauer:
  • mehrere Tage bis Woche
Voraussetzung:
  • Ein geeignetes Computer- oder Videospiel als Vorlage
  • Möglichkeiten, das Computer- oder Videospiel ausgiebig kennen zu lernen
  • Eigene Erfahrungen mit Brettspielen
    (kann innerhalb des Projektes nachgeholt werden)
  • Teamfähigkeit
  • Ausdauer
  • Zeit
Allg. Lernziele / -erfolge:
  • Die Teilnehmer lernen die Bedeutung und Auswirkungen von Regeln innerhalb von Spielen kennen und entdecken versteckte Regeln
  • Vergleichsmöglichkeiten zwischen Spielformen (Computerspiele – Brettspiele)
  • evtl. ein erstes Kennen lernen von Brettspielen und deren Reiz
  • Gemeinsame Arbeit in einem Team über einen längeren Zeitraum
  • Formulierung von allgemein verständlichen Regeln und Beschreibungen
  • Kreativität beim Erstellen der Materialien (Spielbrett, Spielfiguren etc.) und der Spielregeln
  • Entdecken von Parallelen zu ihrer eigenen Lebenswelt (Organisation des virtuellen Arbeitstag im Spiel und ihres eigenen Tagesablauf im Alltag; Zeitmanagement)
Bonus:
  • Ein neues Spiel / eine Eigenprodukt

Ein Beispiel aus der Praxis

In einem bereits durchgeführten Projekt diente das Videospiel „Harvest Moon“ (Version für den Nintendo GameCube) einer Gruppe von 14 Kindern im Alter von 7 bis 13 Jahren als Vorlage für die Entwicklung eines eigenen Brettspiels.
Harvest Moon Awl Banner

Kurzbeschreibung des Spieles

Eine runtergewirtschaftete Farm, ein Farmerhäuschen, ein paar leere Ställe, ein vom Unkraut eingenommener Acker – das ist die Ausgangssituation, die der Spieler zu Beginn vorfindet. Es liegt nun in seiner Hand, mit viel Fleiß diese Farm nach und nach zu neuem Leben zu erwecken. Jede Entscheidung sollte dabei aber gut überlegt sein, da sie das weitere Spiel maßgeblich beeinflusst. Entscheidet sich der Spieler beispielsweise, Hühner oder Kühe anzuschaffen, muss er fortan täglich Eier einsammeln, Kühe füttern und melken. Diese neuen Aufgaben müssen sinnvoll in den virtuellen Arbeitstag eingebunden werden. Um dies erfolgreich zu bewerkstelligen ist es notwendig, um die Möglichkeiten zu wissen, die das Spiel dem Spieler gewährt und diese in planvolle Handlungen umzusetzen.

Stationen in der Projektphase

Hm Kuh
Drei Tage in den Osterferien wurden darauf verwendet, in Kleingruppen das Videospiel ausgiebig kennen zu lernen. Zwei Gruppen spielten dazu parallel an zwei Konsolen.
In festgelegten Pausen wurden die Fortschritte im Spiel unter den Gruppen ausgetauscht. Es wurde berichtet, was den einzelnen Kindern besonders viel Spaß machte und wie sie in ihren Gruppen weiter vorgehen wollten. In einem Projekttagebuch konnten die Kinder jederzeit Ideen festhalten, damit diese bei Umsetzung zum Brettspiel nicht verloren gingen. „Im Brettspiel muss man auf jeden Fall auch Fische fangen können.“ (Melissa, 11 Jahre).

Kennenlernphase
Nach den drei Tagen in den Osterferien traf sich die Gruppe einmal in der Woche, um ihr eigenes Brettspiel zu erfinden.
Am Anfang konnten die Kinder entscheiden, in welchen Arbeitsgruppen sie weiter machen wollten. Eine Gruppe entwickelte ein Spielfeld, eine andere entwarf erste Spielfiguren und die dritte Gruppe fing an, sich erste Spielregeln auszudenken.
Schnell stellte sich heraus, dass es notwendig war, sich unter den drei Gruppen regelmäßig abzustimmen. Wie sollte auch die eine Gruppe Spielfiguren entwickeln, wenn noch nicht klar war, wie die Spielregeln oder das Spielfeld aussehen würden?

Für das Ausprobieren und Spielen mit unterschiedlichen Ideen waren zwei Treffen eingeplant. Nachdem die ersten Entwürfe fertig gestellt waren, wurden sie den anderen vorgestellt. Gemeinsam und mit zusätzlicher Hilfe durch die Projektleitung wurde über die Entwürfe abgestimmt und man plante das weitere Vorgehen. Heraus kam eine erstes grobes Spielgerüst und eine lange To-Do-Liste.

Erfahrungen aus dem Projekt

Hm Baum
Bereits in ein einer frühen Projektphase wurde deutlich, dass es den Kindern sehr schwer fiel, die Wirkungszusammenhänge, die sie im Videospiel scheinbar verstanden hatten, eindeutig zu benennen und daraus Regeln für das Brettspiel abzuleiten. Das, was das „versteckte Regelwerk“ im Spiel regelte, wurde nicht als Regel begriffen.
Hm Baum Blatt
In Harvest Moon wurde beispielsweise das Wetter zufällig vom Spiel festgelegt. Entweder schien die Sonne oder es regnete. An einem sonnigen Tag bedeutete dies, dass sich z.B. die Kühe und Schafe auf der Wiese selber um ihr Fressen kümmern konnten. Dafür mussten aber Pflanzen gegossen werden. An einem Regentag musste der Farmer die Pflanzen nicht tränken, nun aber seine Tiere in den Stall treiben, da sie sonst krank werden konnten.
Aus diesen offensichtlichen Zusammenhängen konnten die Kinder nur mit Hilfe Regeln für das Brettspiel definieren. Eine Methode war der „Wenn-Dann-Baum“. Hier konnten die Spielerfinder festhalten, was sich im Videospiel ihrer Meinung nach untereinander bedingte.

Die wichtigste Ressource im Spiel – und das erkannten auch die Kinder recht schnell – ist Zeit. Es herrscht zwar kein offensichtlicher Zeitdruck, wie beispielsweise in Actionspielen, dennoch spielt das zur Verfügung stehende Zeitbudget eine wichtige Rolle. Die Spielfigur lebt in einer Welt, die einen Tag-Nacht-Rhythmus hat. Morgens bei Sonnenaufgang beginnt der Tag, nachmittags pünktlich um 17.00 können die eigenen Ernteerträge verkauft werden und wenn es dunkel ist, sollte man seine Spielfigur ins Bett schicken. Tut der Spieler letzteres nicht, kann es geschehen, dass der überarbeitete Farmer zusammenbricht und am nächsten Tag erst mittags aufwacht und sein Tageswerk nur schafft, wenn er jetzt disziplinierter vorgeht. Alle anfallenden Aufgaben müssen dementsprechend eingeteilt und abgearbeitet werden.
Zeitmanagement, ist nicht nur ein Problem und eine Herausforderung in diesem Spiel, sondern auch in der realen Welt. Dieser Bezug zum wahren Leben wurde von den Kindern selber hergeleitet. Sie berichteten von sich aus, wie schwierig es oft ist, Schule, Hausaufgaben, Freunde und Hobbys unter einen Hut zu kriegen. Zeit als Ressource in einem Spiel blieb ein sehr abstrakter Punkt, der nicht nur für die Kinder schwierig zu fassen und entsprechend in ein Regelwerk einzubinden war.

Fazit

Spielfeld Entwurf
Ein Spiel zu spielen scheint leichter zu sein, als ein eigenes zu entwickeln. Ob es schwieriger ist, wenn ein konkretes Computer- oder Videospiel als Vorlage dient, ist schwer einzuschätzen. Möglicherweise wurde das versteckte Regelwerk im Videospiel nicht als spielstrukturierendes Element wahrgenommen, weil es automatisch vom Spiel vorgegeben wurde und der Spieler es sich nicht aneignen muss, um spielen zu können. Vielleicht auch deswegen, weil ein Spieler sich in der Regel hierüber keine Gedanken macht, da er hierauf keinen Einfluss nehmen kann. Das mit den Kindern durchgeführte Projekt „Harvest Moon“ zeigte, dass die Fähigkeit, vorausschauend zu planen, Wirkungszusammenhänge herzuleiten und Regeln entsprechend zu definieren, zwar schon bei den Kindern vorhanden war, aber nicht in dem Maße, dass es ausgereicht hätte, ein funktionierendes Spiel von Anfang bis Ende eigenständig zu entwickeln. Allerdings gelang es den Kindern bereits sehr gut, neue Ideen einzubringen und diese auch so zu beschreiben, dass klar wurde, wie sich diese Ideen / Regeln im Spiel auswirken würden und was sie für Vorteile brächten. Des Weiteren bewiesen die Kinder Durchhaltevermögen und konnten sich auch in schwierigeren Phasen gegenseitig motivieren. Wichtige Schlüsselqualifikationen, die auch im späteren Berufsleben gefordert werden.
Im durchgeführten Projekt wurde auf den Bezug zur jetzigen oder späteren der Lebenswelt der Beteiligten nur im Ansatz eingegangen. In einem anderen Kontext ließe sich dies gut vertiefen. Kinder und Jugendliche müssen sich auch in ihrem Alltag, in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis und auch im allgemeinen zwischenmenschlichen Zusammenleben an ein umfassendes (verstecktes?) Regelwerk, an Verhaltensregeln halten.

Das skizzierte Projekt zeigt eine von vielen Möglichkeiten, sich mit Computer- und Videospielen auseinander zu setzen. Prinzipiell kann jedes Spiel auf sein Regelwerk untersucht und versuchsweise in ein Brettspiel überführt werden. Warum sollte man nicht einmal versuchen, den Taktik-Shooter „Counter-Strike“ mit einer Gruppe von älteren Jugendlichen in ein spannendes im Team spielbares Taktik-Brettspiel umzusetzen? Behaupten doch viele Counter-Strike-Spieler, dass es gerade diese Elemente sind, die sie so begeistern.

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